Die Mär von der desinteressierten Jugend
Junge Menschen und ihr politisches Interesse
Als Interessenvertretung von mehr als einer Million junger Menschen in Österreich freut sich die BJV darüber, dass mit der Wahlaltersenkung ein breiter Diskussionsprozess losgetreten wurde, an dessen Ende idealerweise ernsthafte Einbeziehung junger Menschen und wirkliche politische Teilhabe steht.
Die von Peter Filzmaier vorgestellte Studie unterstreicht einmal mehr, worauf wir seit Jahren hinweisen: Junge Menschen interessieren sich für Politik, engagieren sich, sofern sie die Chance dazu erhalten, fühlen sich aber über politische Prozesse und ihre Partizipationsmöglichkeiten zu wenig informiert.
Verdruss? Nur wenn man nicht genau hinschaut!
Die Mär von der desinteressierten und politikverdrossenen Jugend stimmt schlicht und einfach nicht. Jugendliche sind nicht mehr und nicht weniger an der Parteipolitik interessiert als Erwachsene aller Altersgruppen. Das beweisen auch die verfügbaren Studien zur Wahlbeteiligung 16- und 17-Jähriger. Die Argumentationsstrategie der Gegner der Wahlaltersenkung richtet sich im Gegenteil von selbst. Dieser liegt ein ausgesprochen verengter und auch veralteter Politikbegriff zugrunde, der sich ausschließlich auf eine klassische Interpretation von Politik im Sinn von parteilich organisierter Politik stützt und neue Formen politischen Einsatzes, wie er beispielsweise in NGOs und NPOs passiert, völlig außer Acht lässt.
So sehen wir in der Bundesjugendvertretung in unserer täglichen Arbeit als Interessenvertretung von mehr als einer Million junger Menschen und von 47 Kinder- und Jugendorganisationen, wie vielfältig junge Menschen ihre Talente und Begabungen gesellschaftspolitisch einsetzen. Jugendliche engagieren sich in parteipolitischen, verbandlichen oder konfessionellen Organisationen, wo sie gesellschaftliche Demokratie leben. Jugendliche engagieren sich in Jugendzentren und Kulturvereinen, wo sie beispielsweise Konzerte im Do-it-yourself-Verfahren auf die Beine stellen. Jugendliche engagieren sich in Organisationen, die sich für Menschenrechte, für den Naturschutz oder gegen Rassismus und Diskriminierung stark machen. Und nicht zuletzt prägen junge Menschen in SchülerInnen-, Studierenden- und ArbeitnehmerInnenvertretungen politische Prozesse.
Eine umfassendere Betrachtungsweise von „Politik“ fehlt leider viel zu oft in der aktuellen Diskussion: Politisches Interesse und Engagement lässt sich eben NICHT darauf reduzieren, Namen und Funktionen abzutesten, sondern es ist vielmehr notwendig, den Blick zu schärfen und sichtbar zu machen, welch enormes politisches Potenzial junge Menschen bergen und wie vielfältig sie dies in unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen.
Informationen? Her damit!
Also alles eitel Wonne? Mitnichten: Denn wo die Defizite liegen, ist bekannt. Demokratievermittlung führt in Österreich leider noch immer ein Mauerblümchen-Dasein. Im direkten Gespräch mit jungen Menschen zum Thema Politik kehrt das gleiche Klagelied immer wieder: „Wir fühlen uns zu wenig informiert!“ Das drückt auch die Filzmaier-Studie aus, wenn sich 71 Prozent der befragten Jugendlichen ein eigenes Unterrichtsfach „Demokratielernen“ wünschen.
Politische Bildung fristet in Schulen und anderen Bildungsinstitutionen leider ein Randdasein. Wenn überhaupt paukt man Zahlen, Daten, Fakten und vergisst darauf, dieses Faktenwissen in der Lebenswelt der Jugendlichen zu erden, sie dort „abzuholen“, wo sie stehen. Dabei müssen Jugendliche anhand ihrer Lebenswelt vermittelt bekommen, wo sie in ihrer Schule, an ihrem Lehrplatz, in ihrer Gemeinde mitbestimmen können. Jugendliche benötigen Infos, wie sie „junges“ Leben in ihre Umgebung bringen können, wie sie ihre Rechte auf ein jugendgerechtes Aufwachsen wahrnehmen können. Politische Bildung muss mehr umfassen als das Auswendiglernen der Namen von Bundeskanzlern und Parteichefs. Jugendliche haben das begriffen: Sie wünschen sich lebensnahe Themen, sie wünschen sich, mehr über die Gleichbehandlung von Mann und Frau oder über Integrationsfragen zu erfahren.
Diesem Wunsch sollten wir nachkommen und die Chance nutzen, welche die aktuelle Diskussion bietet. Nehmen wir die Bedürfnisse der Jugendlichen ernst und bemühen wir uns, Partizipation möglichst früh zu vermitteln: in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Jugendzentrum. Denn Angst vor der Demokratie, vor dem Wählen ist nicht angebracht – wenn wir Demokratie ernst nehmen!

