V-Day 2010
Die Vagina-Monologe entstanden in den späten 1990ern aus Gesprächen, die Eve Ensler, eine aus einem New Yorker Vorort stammende Frauenrechtsaktivistin, mit Frauen aus der ganzen Welt führte. Nach anfänglicher Zurückhaltung, so berichtet die Autorin, sprudelten Berichte und Geschichten aus Frauenmündern aller Altersgruppen, Berufsstände, Kulturen und Religionen. Frauen hatten etwas zu sagen: Geschichten, die gehört wurden. Geschichten, die niedergeschrieben und veröffentlicht wurden. Geschichten, die verlesen wurden und werden. Geschichten, die wieder gehört werden sollten:
Ensler, die Meisterin der Benennung, und viele ihrer über 200 Gesprächspartnerinnen nennen die Dinge schmerzhaft klar beim Namen: Wütende Vaginas entrüsten sich über kalte Untersuchungswerkzeuge und trockene Tampons, verstörte Frauen berichten von Vergewaltigung, Belästigung und Missbrauch („ … the soldiers put a long thick rifle inside me“, 62), junge Mädchen, erfolgreiche Geschäftsfrauen, Singles und Ehefrauen, Prostituierte, Genitalverstümmelte, Professorinnen und Lesben verlieren ihren Mut, suchen ihre Identität und entdecken schließlich ihre Sexualität und ihre Liebe dazu wieder neu. Zwischen berührenden Bildern und himmelschreienden Fakten darf auch gelacht werden, zB wenn Vaginas sich verkleiden und zu sprechen beginnen – in klaren, einfachen und mächtigen Worten.
Schonungslose Inhalte verpackt in sprachliche Nüchternheit – ein nahezu banales Rezept – vermögen mich zu berühren, schockieren und verleihen in all ihrer Pragmatik – paradoxerweise (?) – der weiblichen Sexualität letztlich etwas Würdevolles.
Eve Enslers preisgekrönte (Obie Award 1997) Texte wurden in 45 Sprachen übersetzt und in über 119 Ländern verlesen. Ich veschlinge dieses behutsame und doch kämpferische Manifest weiblicher Identität, wild seitenblätternd, ohrenrauschend, heißköpfig. Eine Festschrift der Bejahung: Ja, ich bin Frau, ja, ich erlebe Unterdrückung, ja ich stehe dagegen auf!
Nicht mehr Scham oder Ekel sondern Tatendrang und Enthusiasmus lassen meine Wangen glühen. Ich stelle mein Buch etwas senkrechter, ein paar Zentimeter nur, das Wort „Vagina“ prangt für mein Gegenüber leicht lesbar auf der Titelseite. Es darf, nein, muss gelesen werden!
Am 14. Februar 1998 lauscht ein 2500köpfiges Publikum im Hammerstein Ballroom in New York (mit ähnlichen Gefühlen?) den berührenden Monologen, verlesen von Bühnengrößen wie Jane Fonda, Whoopi Goldberg, Susan Sarandon und Oprah Winfrey. Nach der Lesung strömen Frauen zu Eve Elsner, etwas hat sie berührt, ihre Zunge gelöst: Sie haben Geschichten zu erzählen, fröhliche und todernste, bis jetzt hat sie nur nie jemand danach gefragt. 250 000 $ werden an diesem Abend an New Yorker Anti-Gewalt Einrichtungen gespendet – V-Day ist geboren: Valentines-, Victory-, Vagina-Day!
In den darauffolgenden Jahren erreicht der V-Day London, Afghanistan, Indien, Kenia, Bosnien, Pakistan, Deutschland, Israel, Litauen, Mexiko, die Philippinen, Frankreich, Saudi Arabien, Uganda, … sogar in der Antarktis werden Lesungen abgehalten. Mit Spenden im Gesamtumfang von über 50 Millionen US$ werden weltweit Frauenhäuser eröffnet, Anti-Gewalt-Programme finanziert und Workshops abgehalten. Und 2007 kommt der V-Day nach Österreich.
Die Lesungen der Vagina Monologues sind bis heute Kernstück des V-Day, einer mittlerweile globalen Bewegung mit drei Zielen: Gewalt gegen Frauen und Mädchen beenden, Bewusstsein schaffen, Spenden sammeln. 2008, zum 10. Jubiläum des V-Day, finden weltweit über 3700 Lesungen an 1250 Plätzen statt – eine davon in Wien (s.o.!).
V-Day für Frauenhäuser in Wien
In Österreich ist jede 5. Frau von Gewalt in der Familie betroffen. Amnesty International fordert daher besseren Opferschutz bei Gerichtsverfahren, offene Grenzen für Opfer von Genitalverstümmelungen, Zwangsabtreibungen und Zwangsehen, sowie Aufenthaltsrechte für Opfer häuslicher Gewalt auch nach einer Scheidung. Der Großteil der Spenden des V-Day Wien wird dem Verein Frauenhäuser Wien zugute kommen. Spenden allein können der Gewalt jedoch kein Ende setzen – der V-Day will durch Bewusstseinsbildung, Empowerment und Solidarität langfristig wirken … „until the violence stops“.
Nur was einen Namen hat, wird thematisiert, beschützt und wertgeschätzt. In einer Welt, in der Frauen und Mädchen belästigt, unterdrückt, vergewaltigt, versklavt und verstümmelt werden, muss „Vagina“ gesagt werden: Vagina, Vagina, Vagina!!!
Seitenzahlen und Zitate beziehen sich auf Eve Ensler: The Vagina Monologues, 10th Anniversary Edition, Villard : New York, 2008.
Links:
www.vday.org
www.amnesty.at
http://www.frauenhaeuser-wien.at/
Eindrücke vom V-Day 2010:
(Naomi Dutzi)
(Petra Bayr)

